Aufsatz*


Fußballspieler

National-globale Fußballwelt

Hägele, W.: Die national-globale Welt des Fußballs. In: SportZeiten. Sport in Geschichte, Kultur und Gesellschaft 11 (2011), 1, S. 51-60.

Schlüsselwörter

Fußball; Sportbewegung; Moderne; Postmoderne; Nationalität; Internationalität; Turnerschaft; Fifa; Fußballweltmeisterschaft; Nationalmannschaft; Länderspiele; Champions League; Spitzenclubs; „global player“; „public viewing“; De-Nationalisierung; Globalisierung; Transnationalität

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1 Vorbemerkung

Die Welt des Fußballs stellt einen Lebensbereich dar, dessen Faszination und Eigengesetzlichkeit sich nur aus der Kenntnis seiner originären Regeln, Wertemuster und Mythen erschließen lässt. Dennoch existiert auch diese Welt nicht autark, sondern unterliegt permanent gesellschaftlichen Umwelteinflüssen, die modifizierend auf ihren Sinngehalt einwirken. Der informationstechnologische Umbruch der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ging daher nicht spurlos an ihr vorbei, sondern löste grundlegende Veränderungen aus. Nachfolgend interessiert insbesondere die Frage, inwieweit sich im historischen Vergleich von nationaler Moderne (20. Jahrhundert) und globaler Postmoderne (seit 1970er Jahre) das Verhältnis von Nationalität und Internationalität im Fußball gewandelt hat.

2 Die inter>nationale Fußballwelt der Moderne

2.1 Industrielle Moderne

Die Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts lässt sich durch die zunehmende Industrialisierung der vormodernen Agrargesellschaft kennzeichnen. Ebenso bedeutsam war die Ein- und Unterordnung der Gesellschaft unter das Primat des National- und Territorialstaates, der nach außen hin eine Politik der Abgrenzung und hoheitlichen Souveränität betrieb, während er nach innen als oberster Repräsentant und Sachwalter für nationale Einheit und soziale Integration auftrat. Staatsbürgerschaft bedeutete für den Einzelnen daher primär, seine Pflichten in Staat und Gesellschaft wahrzunehmen und weniger, seine individuellen Freiheiten auszuleben (vgl. Beck 1998, S. 11 ff.; 1997, S. 205 ff.). Seit der Aufklärung fanden kosmopolitische Sinngehalte (insbesondere durch die Menschen- und Bürgerrechte) zwar Eingang in die Verfassungen der Nationalstaaten. Dennoch vermochte auch die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Internationalisierung sozialer, wirtschaftlicher und politischer Vereinigungen (u.a. von Friedens- und Arbeiterbewegung sowie vom Völkerbund) bis in die Spätmoderne der 1960er Jahre nicht, die politische Phalanx von Nation, Staat und Territorium nachhaltig aufzubrechen.

2.2 Deutsche Turnerschaft und nationaler Fußballsport

Eingebettet in die soziokulturellen Rahmenbedingungen der frühen Moderne definierte sich die Turnerschaft im 19. Jahrhundert primär als nationalpatrio-

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tische Bewegung, die ihr Selbstverständnis in hohem Maße aus der Treue zu Volk und Vaterland ableitete. Der Einzelne wurde mittels Disziplin, Drill und Ordnung einer deutsch-nationalen Gemeinschaftsideologie unterworfen, die dem ursprünglich freiheitlich-romantischen Jahn’schen Turnen auf der Hasenheide (1811) ebenso widersprach, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts zur Fundamentalkritik durch die Spiel-, Wander- und Jugendbewegung herausforderte – und damit die Brechung des turnerischen Monopols durch die olympische Sportbewegung in Deutschland einleitete (vgl. Krüger 2005, S. 40 ff.).

Als Teil der Sportbewegung war der Fußball, von England kommend, leistungs- und wettkampforientierter, aber auch internationaler ausgerichtet als das Turnen. Fair play, sportmanship und individuelle Selbstverwirklichung zählten mehr als Gesinnungsethik, Vaterlandstreue und normativer Kollektivismus. Die Vorbehalte und kritische Distanz der Turner gegenüber dem Fußballsport sind daher ebenso nachvollziehbar wie ihre Versuche der „Verdeutschung“ und „Turnisierung“ des Fußballspiels durch die stärkere Akzentuierung von Kampfeswillen, Disziplin und Teamgeist (vgl. Krüger 2004, S. 129 ff.). Andererseits wies der Deutsche Fußball-Bund bereits bei seiner Gründung im Jahre 1900 eine „ausgeprägte Staatsorientierung“ auf (Eisenberg 1997, S. 94), was mit dazu beitrug, dass sich die deutsche Öffentlichkeit – über den lokalen Fußballsport hinaus – schon früh mit und über die Nationalmannschaft identifizierte. Hinzu kam im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Funktionalisierung des Fußballsports mit dem Ziel, die Truppenmoral zu stärken. Dadurch fand nicht nur eine militante Begrifflichkeit Eingang in die Fußballwelt (Eisenberg 1997, S. 101 ff.), sondern auch eine latent nationalistische Freund-Feind-Metaphorik. Vor allem bildete sich jener typisch deutsche Fußballstil heraus, der sich weniger durch Kreativität und Spielwitz auszeichnete als durch Einsatzbereitschaft, Willenskraft und einem hohen Durchsetzungsvermögen.

Eine verklärende Überhöhung erlangten die deutschen Tugenden bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern, wo eine verschworene Spielergemeinschaft um Rahn, Morlock und Fritz Walter einen kaum für möglich gehaltenen Turniersieg ertrotzte, mit einem Cheftrainer Herberger, der mit väterlicher Autorität, List, aber auch volksnaher Schläue unmittelbar an den Staatsamateurismus der Vergangenheit anknüpfte sowie einem Publikum, das im frenetischen Freudentaumel nicht nur sein abhanden gekommenes Selbstwert- und Nationalgefühl im Nachkriegs-Deutschland der Adenauer-Ära wiederentdeckte, sondern sich vereinzelt auch zu rechtsradikalen Parolen hinreißen ließ (vgl. Gebauer 2002, S. 178 ff.). Damit begründeten die „Helden von Bern“ den Mythos des wiederauferstandenen, neuen (West-)Deutschland, der den wirtschaftlichen, politischen, aber auch sportlichen Aufschwung in der Spätmoderne der 1960er Jahre einleitete.

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2.3 Internationaler Fußballsport

Seine internationale Verbreitung verdankt der Fußballsport einerseits den kosmopolitischen Strömungen Ende des 19. Jahrhunderts, andererseits der fortschreitenden Industrialisierung der Nationalstaaten. Mit der Industrie und den englischen Geschäftsleuten kam auch der Fußballsport (vgl. Eisenberg 2004, S. 48 f.). Doch bereits Anfang des 20. Jahrhunderts löste der einsetzende Imperialismus und völkische Chauvinismus auch bei den am Fußball interessierten Staaten eine stärkere Nationalisierung und territoriale Abschottung aus (vgl. Eisenberg 2004, S. 50). Wie in Deutschland förderte dies die Loslösung vom britischen Lehrmeister sowie die Herausbildung von landestypischen Spielweisen, die in je unterschiedlichen Konstellationen Elemente des angelsächsischen „Kick and Rush“-Stils, der deutschen Kompromisslosigkeit und Härte sowie des südländischen Spielwitzes miteinander verbanden. Zudem wurden Länderspiele vor dem Ersten Weltkrieg eher selten ausgetragen und internationale Fußballturniere, wie der Balkan-Cup oder die südamerikanischen Meisterschaften, fanden erst seit den 1920er Jahren statt (vgl. Eisenberg 2004, S. 51 f.).

Die starke Akzentuierung des nationalen Aspekts zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärt auch, warum die Mitglieder des 1904 in Paris gegründeten internationalen Fußballverbandes (Fifa) keine Einzelpersonen oder regionalen Gruppierungen, sondern nationale Verbände – nach dem Prinzip des one country, one vote – waren. Wie bei der UNO bestimmen somit die Mitgliedsnationen die Satzungen, Ziele und Ideale der Fifa, gleichzeitig müssen sie sich deren Statuten bedingungslos unterwerfen (vgl. Fifa 2009 a, S. 10 ff.). Ursprünglich von nur sieben Mitgliedsnationen gegründet, stieg die Mitgliederzahl der Fifa durch die Aufnahme hauptsächlich europäischer sowie südamerikanischer Landesverbände bereits Mitte der 1920er Jahre auf über 30 Mitglieder an. Eine breitere internationale Basis erlangte sie dennoch erst in den 1950er Jahren, als sie begann, den asiatischen Bereich für den Fußball zu erschließen, wodurch die Mitgliederzahl innerhalb kurzer Zeit verdoppelt werden konnte (vgl. Fifa 2009 b; Schäling 2007, S. 22 f.). Den Status eines die Kontinente umspannenden Weltverbandes (unter Einschluss der afrikanischen Fußballnationen) erlangte sie allerdings erst, als mit den Satellitenübertragungen Ende der 1960er Jahre jene informationstechnologischen Voraussetzungen geschaffen wurden, die den Fußball zu einer der weltweit beliebtesten Sportarten werden ließen.

Die Fußballweltmeisterschaft, 1930 erstmals in Uruguay mit 13 Mitgliedsnationen ausgetragen, wurde von Beginn an dem Leitbild der Völkerverständigung und der friedlichen, kosmopolitischen Begegnung der Nationen unterstellt. Zum fairen Wettstreit wollten sich die besten Fußballnationen treffen, der Schönheit und Faszination des Spiels ebenso verpflichtet wie der respektvoll-toleranten Handhabung von Sieg und Niederlage der eigenen wie der

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gegnerischen Mannschaften.[1] Mit diesem hehren Anspruch trugen die Fußballweltmeisterschaften im Laufe der Jahrzehnte sicherlich ihren Teil zur Völkerverständigung bei, obgleich messbare Nachweise hierzu fehlen. Trotz der bekundeten Trennung von Sport und Politik waren die beteiligten Teams jedoch immer auch die Repräsentanten ihrer Nationen. Nicht umsonst wird staatlichen Insignien (Nationalfahne, -hymne und -emblem) im rituellen Kontext des Turniers eine zentrale Bedeutung beigemessen. Die Gefahr der Politisierung und nationalen Radikalisierung des Turniers konnte dadurch nie ganz ausgeschlossen werden. Zwar wurde ein gemäßigter Patriotismus gefordert, der die wechselseitige Respektierung der Nationen voraussetzte, doch forciert durch externe, nicht-sportliche Einflüsse gelang es nicht immer, einen parteiischen Nationalismus (etwa zwischen den deutsch-deutschen Staaten) unter Kontrolle zu halten, der konträr zum kosmopolitischen Ideal das abgründig Trennende der Parteien offenlegte.[2] Die Mäßigung des nationalen Elements im Weltfußball der Gegenwart als unmittelbare Konsequenz der globalen De-Nationalisierung der Gesellschaft birgt daher nicht nur Risiken in sich, sondern eröffnet auch Chancen für eine Postmoderne, die sich im Fußball spätestens bei der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland ankündigte, als Netzer und Beckenbauer um die Höhe der Siegprämie der deutschen Nationalmannschaft feilschten, was zu Zeiten Herbergers undenkbar gewesen wäre.

3 Die trans<nationale Fußballwelt der Postmoderne

3.1 Informationstechnologische Postmoderne

Ausgelöst wurde das Informationszeitalter im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts durch die elektronische Revolution (Computer, Internet, E-Mail), die eine weltweite Ausdehnung der Sozialkontakte erst möglich machte. Gleichzeitig trug die wachsende Transnationalisierung von wirtschaftlichen Unternehmen, sozialen Organisationen und politischen Bündnissen zur Schwächung des Nationalstaates bei. Dadurch rückte die Vision einer globalen Weltgesellschaft merklich näher (vgl. Beck 1998, S. 19-66). Voraussetzung für deren Realisierung aber ist, dass – wider allem realitätsfernen Wunschdenken – keine Homogenität ihrer Strukturen erwartet wird, sondern stets von der

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wechselseitigen Durchdringung lokaler, nationaler und – künftig vermehrt – globaler Einflüsse ausgegangen werden muss. Der Bedeutungsverlust des Nationalstaates darf ebenso wenig verabsolutiert werden, wie der postmoderne Individualisierungsschub bedeuten kann, dass die Menschen künftig vor jeglicher kollektiven Vermassung und medialen Beeinflussung gefeit wären.

3.2 De-Nationalisierungsprozesse im deutschen Fußballsport

Im deutschen Fußballsport wirkte sich die postmoderne De-Nationalisierung dahingehend aus, dass die Nationalmannschaft in ihrer Bedeutung und Leitfunktion durch jene Proficlubs relativiert wurde, die im europäischen Fußball (Champions League) eine Spitzenposition einnehmen. Eher temporär und im Rahmen großer Turniere (Kontinental- und Weltmeisterschaften) erlangen Länderspiele nach wie vor den Glanz vergangener Zeiten. Als symptomatisch für diese Prestigeverlagerung kann die erhöhte Konfliktbereitschaft der Spitzenclubs bei Interessenkollisionen mit der Nationalmannschaft gewertet werden. Als Indiz mag ferner gelten, dass die Fußballheroen von heute den Nimbus der Unsterblichkeit weniger wie 1954 durch ihre Taten in der Nationalmannschaft erlangen. Viel wichtiger scheint heute zu sein, dass sie ihr herausragendes Können im tagtäglichen Konkurrenzkampf des Ligabetriebs erfolgreich unter Beweis stellen.

Als treibende Akteure der nationalen Entgrenzung fungierten die Proficlubs insbesondere durch die wachsende Globalisierung ihres Spielertransfermarktes. Wurden Haller, Brühl und Schnellinger in den 1960er Jahren noch als italienische Fremdenlegionäre und Söldner verschrien, verfügen heute die deutschen Spitzenteams über ein bunt zusammengewürfeltes Spielerreservoire mit Spielern aus allen Herren Ländern. Vereinstreue Lokalmatadoren finden sich immer weniger und wenn, dann eher bei kapitalschwachen Vereinen, die am internationalen Spielermarkt nur begrenzt mitbieten können. Merklich zugenommen hat auch der Einsatz ausländischer Trainer und Spielerberater. Zudem kommt heute kein Spitzenclub mehr umhin, sich unablässig des Leistungsstandards der Weltspitze zu vergewissern, wozu er ein weitmaschiges System von Scouts unterhält, dem über die internationale Spielerbeobachtung hinaus die Aufgabe zufällt, die neuesten Entwicklungen in Training, Taktik und Vereinsmanagement aufzuzeigen. Aber auch in den unteren Fußball-Ligen sorgte die anhaltende Migration der Spieler dafür, dass der in den 1960er Jahren noch fast ausschließlich aus deutschen Spielern bestehende Ligabetrieb eine immer stärkere multikulturelle Unterwanderung erfuhr. Vermehrt auftretende aggressiv-gewalttätige Ausschreitungen und rassistische Verstöße zwischen Spielern und Zuschauern zeugen hiervon (vgl. Dembowski 2007, S 220 ff.), aber auch die Erkenntnis, dass Fragen zu Integration und Toleranz gegenüber Migranten in der Regel erst dann problematisiert werden, wenn die mediale Öffentlichkeit sich der Thematik annimmt. Was schließlich

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den Fußballfan betrifft, beschränkt sich dessen Aktionsradius im digitalen Medienzeitalter nicht länger nur auf den lokalen, regionalen oder nationalen Fußballsport, vielmehr kann er auch Anhänger jener internationalen Spitzenteams sein, deren Spiele und Spielergebnisse regelmäßig im Fernsehen übertragen werden und deren Internetportale die Fans mit einer Überfülle an Informationen und vereinsinternen home-stories versorgen.

3.3 Globaler Fußballsport

Weltweit zählt der Fußballsport heute zu einer der beliebtesten und am weitesten verbreiteten Sportarten. Laut Big Count-Erhebung der Fifa (2006) spielen mittlerweile über 265 Millionen Menschen in über 200 Ländern Fußball, wovon über 38 Millionen in über 300.000 Vereinen organisiert sind. Darüber hinaus verfolgt ein Milliardenpublikum regelmäßig die Kontinental- und Weltmeisterschaften im Fernsehen. Mit Fug und Recht kann der Fußballsport daher als Element einer transnationalen Weltkultur bezeichnet werden, der lokale Nähe mit globaler Ferne sowie das kulturell Vertraute mit dem Fremden vereint. Weltweite Verbreitung erlangte dadurch aber auch ein europäisch-westlich geprägtes Verständnis von Leistung, Wettstreit und Fairness, das die Gefahr der Hegemonialisierung des asiatisch-östlichen Verständnisses von Spiel, Sport und Körperkultur nie ganz ausschließt.

Die Machtfülle, die die Fifa heute besitzt, verdankt sie neben der weltweiten Fußballbegeisterung insbesondere ihrer Monopolstellung, die sie u.a. bei der Vergabe und Überwachung von Weltmeisterschaften wirkungsvoll zur Geltung bringt. So bestimmt nicht der Gastgeber, sondern ausschließlich die Fifa über die Vergabe von Fernsehrechten sowie darüber, welches Wirtschaftsunternehmen für die Dauer der Weltmeisterschaft – als aggregierter Fifa-Partner – seine Produkte vermarkten darf. Ganz zu schweigen von den horrenden Auflagen für den Veranstalter hinsichtlich Infrastruktur, Logistik und der Qualität der Fußballstadien, die mittlerweile Investitionen in Milliardenhöhe verschlingen und – ähnlich wie bei den Olympischen Spielen – ohne die konzertierte Aktion von ausrichtendem Fußballverband, Staat und heimischer Wirtschaft nicht mehr zu bewältigen sind (Schwier 2006, S. 80).[3] Kritik, insbesondere von Journalistenseite, gegen diese einseitige Maximierung der Pflichten des Gastgeberlandes bei gleichzeitiger Minimierung der Pflichten der Fifa blieb daher nicht aus. Doch als quasi-exterritoriale, monopolistische Weltorganisation (mit Sitz in der Schweiz) folgte die Fifa damit nur allzu bereitwillig jenem Trend, der sich in allen Megaverbänden des Weltsports als scheinbar unausweichlich abzeichnet: nämlich die enge Verkopplung ihrer

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völkerverbindenden, humanistischen Ideale mit einem Pragmatismus, der den Gesetzen des Marktes und des Utilitarismus verpflichtet ist.

Bei der Fußballweltmeisterschaft, als herausragendem fußballerischen Großereignis, wurden postmoderne De-Nationalisierungsprozesse spätestens seit dem „Sommermärchen“ 2006 in Deutschland und mehr noch bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika offenkundig. Auffallend war die Schwächung der landestypischen Elemente im Spiel der Nationalmannschaften, das sich heute eher durch Ähnlichkeit denn durch Differenz auszeichnet. Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf die Globalisierung des Spielermarktes sowie darauf, dass mittlerweile viele namhafte Nationalspieler aus allen Kontinenten im Dienste der europäischen Spitzenclubs FC Barcelona, Real Madrid, FC Chelsea, Manchster United und FC Bayern München stehen. Zwangsläufig verinnerlichten sie dadurch die dort praktizierte Fußballphilosophie und exportierten sie – als Muliplikatoren – in ihre Heimatländer. Hinzu kommt, dass seit Jahrzehnten viele europäische Trainer vor allem in afrikanischen und asiatischen Ländern erfolgreich Entwicklungshilfe geleistet haben. Keineswegs zufällig erlangte daher bei der WM 2010 eine – von der spanischen Mannschaft am perfektesten zelebrierte – europäische Spielweise die Oberhand, die sich durch folgende Merkmale kennzeichnen lässt: schnörkellose Effizienz, ständiger Rhythmuswechsel, dominanter Ballbesitz, Sicherheit vor Kreativität sowie Priorität der Teamarbeit ohne Vorrangstellung der Stars.[4] Die Kritik an dieser Geringschätzung, gar Verleugnung des national Urwüchsigen insbesondere im Spiel der Afrikaner und Südamerikaner lässt sich nicht nur mit trainingswissenschaftlichen Argumenten stützen, sondern verdeutlicht auch aus politikwissenschaftlicher Sicht, dass der nationale Aspekt weder – wie in der Vergangenheit – überbetont noch ungestraft ignoriert werden darf.[5] Dadurch aber, dass viele Nationalspieler – als ausgewiesene global player – gleichzeitig Teamkameraden in europäischen Spitzenclubs sind, tragen sie unwillkürlich mit dazu bei, dass die soziale Distanz zwischen den Nationalmannschaften verringert wird. Ein ähnlicher Effekt kann auch der wachsenden multikulturellen Vielfalt und (elterlichen) Herkunft der Nationalspieler zugeschrieben werden. Auf mannigfache Weise scheint somit der Weltfußball sowohl Nutznießer als auch Verstärker der kosmopolitischen Globalisierungsprozesse zu sein.

Das größte Erstaunen bei Sozialwissenschaftlern löste jedoch das Phänomen des Public Viewing aus, das seit der Weltmeisterschaft 2006 eine weltweite Verbreitung erfahren hat. Die dort versammelten Fans, in Beruf und Alltag eher reserviert und auf Distanz bedacht, scheinen, ungeachtet etwaiger Unter-

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schiede in Herkunft, Religion und Nation, von der Unbeschwertheit und Ausgelassenheit der Massen förmlich mitgerissen zu werden. Bemalt, gekleidet und beflaggt mit den Insignien der Nationalfarben wird ein popkulturelles global village zelebriert, gefeiert und im Rausch der eigenen Tore ausgelebt, als hätte es die Probleme der Fremdenfeindlichkeit und des Rechtsextremismus nie gegeben. Selbst die Nationalhymne, bei der Nationalmannschaft eher leidige Pflichterfüllung, wird freiwillig und ohne jegliche Ressentiments mitgesungen. Keine politischen Hetzparolen trennen die ausgelassen singenden, gestikulierenden und tanzenden Fans unterschiedlicher Nationalität, vielmehr scheint die Menschen – wider dem Trend zur Vereinzelung und sozialen Isolation – ein gesteigertes Bedürfnis nach individueller Ungezwungenheit anzutreiben bei gleichzeitiger Sehnsucht nach sozialer Geborgenheit im Kreis von Freunden, Gleichgesinnten sowie der anonymen Masse der Fanmeilen-Teilnehmer. Wie bei großen Pop-Konzerten kommt ein Wohlfühl-Kosmopolitismus zum Tragen, der alle politischen Fesseln zu sprengen scheint. Gegen die Überbewertung der Fanmeilen-Völkerverständigung aber spricht, dass die Stimmung – in hohem Maße getragen und beeinflusst durch den Spielverlauf – jederzeit in eine Spirale des Hasses und der Vorurteile umkippen kann, die auch vor Gewalt und Rassismus nicht Halt macht. Nicht umsonst ist ein Heer von Ordnungskräften im Einsatz, das verhindern soll, dass das „Happening der Gefühle“ in Destruktion und Chaos endet.

Trotz aller kosmopolitischen Tendenzen blieb jedoch der nationale Austragungsmodus der Weltmeisterschaften weitestgehend unverändert erhalten. Durch die massenmediale Partizipation einer Weltöffentlichkeit wird allerdings Siegen und Erstplatzierungen gegenwärtig ein unvergleichlich höherer Stellenwert beigemessen als in der Vergangenheit. Eingedenk der Tatsache, dass sich mittlerweile immer mehr Politiker, Wirtschaftsbosse und sogar Künstler im Glanz sportlicher Erfolge sonnen, kann deren Bedeutung für das Image und die öffentliche Wertschätzung eines Landes kaum mehr bestritten werden (vgl. Schwier 2006, S. 80 ff.; Gebauer 2002, S. 162ff., 175 ff.). Umgekehrt kann das (unerwartet) frühe Ausscheiden bei oder das blamable Auftreten während einer Weltmeisterschaft das Gegenteil bewirken. Spott, Häme, gar Betroffenheit in der Bevölkerung sind die Folge, während die Politiker ob der „nationalen Schande“ und wider jede sportliche Autonomie direkte staatliche Interventionen in Erwägung ziehen. Der Jubel und die grenzenlose Euphorie, den die spanische Nationalmannschaft 2010 durch ihren (ersten) Weltmeistertitel in ihrer Heimat ausgelöst haben, kann hierfür als positives Beispiel herangezogen werden, während das frühe Ausscheiden der Equipe Tricolore, in Verbindung mit Anelkas WM-Eklat, die Grande Nation im Negativen tief aufrührte. Die Hochstilisierung und Dramatisierung des sportlichen Geschehens zur Staatsaffäre in Frankreich verdeutlichte darüber hinaus eindrucksvoll, dass, wer die Nationalfarben zum Verbandsemblem erkoren hat und obendrein (wie in vielen Ländern) erkleckliche staatliche Zuwendungen

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erhält, der ist nie wirklich gefeit vor politischer Vereinnahmung, zumal wenn, wie in Frankreich, (vermeintliche) Verstöße gegen den Sittenkodex der Gesellschaft hinzukommen.

Das gastgebende Land wiederum steht bereits Monate vor einer Fußballweltmeisterschaft im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. All sein Trachten zielt nicht nur darauf ab, seiner Gastgeberrolle gerecht zu werden, sondern umfassend auch über Geschichte und Kultur des Landes zu informieren. So wollte Deutschland bei der WM 2006 mit dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ seine (neue) Weltoffenheit, Modernität und Aufgeschlossenheit, aber auch das wirtschaftliche Leistungs- und Innovationspotential des „Made in Germany“ unter Beweis stellen. Hingegen wurde beim „Wintermärchen“ 2010 in Südafrika stärker die Aufbruchstimmung eines durch rassistische Vergangenheit und eklatante soziale Gegensätze belastetes Land thematisiert, das sich durch die Schubkraft der Fußball-WM einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffte. Vor allem musste Südafrika gegen viele Klischees den Beweis antreten, dass das Land trotz aller sozialen Probleme in der Lage ist, eine Mega-Veranstaltung wie die Fußball-WM entsprechend den weltweit üblichen Standards in Logistik und Sicherheit erfolgreich zu organisieren. Der Lärm der Vuvuzelas symbolisierte nicht nur die urwüchsige Kraft und die für Außenstehende befremdliche Eigenart des Landes, sondern auch, dass Völkerverständigung ohne hinreichende Toleranz und Offenheit für fremde Sitten und Bräuche rasch an ihre Grenzen stößt.

4 Fazit

Die Welt des Fußballs ist keineswegs autark, vielmehr wirken gesellschaftliche Umwelteinflüsse permanent auf deren Sinngehalt ein. Dies erklärt, warum in der nationalstaatlichen Moderne des 20. Jahrhunderts auch im Fußballsport dem „nationalen Aspekt“ eine dominante Bedeutung beigemessen wurde. Daher die hohe Wertschätzung, die der Nationalmannschaft, generell Länderspielen bis in die Spätmoderne der 1960er Jahre entgegengebracht wurde.

Erst die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts einsetzende informationstechnologische Globalisierung der Gesellschaft löste auch im Fußballsport grundlegende Trans- und De-Nationalisierungsprozesse aus. Seinen Niederschlag fand diese Entwicklung einerseits in der spürbaren Relativierung der Bedeutung der Nationalmannschaft zugunsten insbesondere der europäischen Spitzenclubs (Champions League), andererseits in der dynamisch sich entwickelnden Transnationalisierung von Technik und Taktik des Spiels sowie des Spielertransfermarktes. Nicht zuletzt trugen die massenmediale Verbreitung des Fußballspiels sowie die wachsende multikulturelle Herkunft von Spielern und Zuschauern zur Entstehung einer kosmopolitischen Weltkultur bei, die idealerweise sowohl lokale als auch nationale sowie – künftig verstärkt – globale Strukturelemente in einer spannungsvollen Symbiose miteinander vereint.

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Realiter scheint jedoch die strukturelle Verkopplung von Nation, Staat und Fußball zumindest bei den Kontinental- und Weltmeisterschaften nach wie vor weit ausgeprägter zu  sein, als viele Kritiker dies gutheißen, die den Weltsport mehr denn je im Würgegriff des Wettstreits der Nationen um die meisten Medaillen, Erstplatzierungen sowie Siege –  (fast) um jeden Preis – sehen.[6]

5 Anmerkungen

[1] Nicht zufällig werden in den einleitenden Bestimmungen der Fifa-Statuten (2009 a) der „völkerverbindende, erzieherische, kulturelle und humanitäre Stellenwert des Fußballs“ (6) besonders herausgestellt sowie die Pflege „freundschaftlicher Beziehungen“ wider „jegliche Diskriminierung und Rassismus“ zur vorrangigen Aufgabe der Fifa erklärt (7).

[2] Schwier (2006, S. 85 ff.) kritisiert in dem Zusammenhang die Rolle der Massenmedien, die sich in der Vergangenheit weniger durch eine analytisch-distanzierte denn nationalistisch-rassistisch gefärbte WM-Berichterstattung ausgewiesen hätten.

[3] Die Weltmeisterschaften 2010 kosteten Südafrika 5 Milliarden Dollar, während die Fifa Einnahmen von ca. 4 Milliarden Dollar verbuchen konnte (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 12./13.06. und 26./27.06.2010).

[4] Vgl. Frankfurter Allgemeine vom 21.06.2010 sowie Süddeutsche Zeitung vom 07.07.2010.

[5] Vgl. hierzu die Kritik vom ehemaligen Bundesligaspieler Okocha (Nigeria) in der Süddeutschen Zeitung vom 12.07.2010.

[6] Dass künftig der nationale Aspekt bei globalen Großveranstaltungen dennoch an Relevanz und Bedeutung verlieren könnte, ist keineswegs auszuschließen. Zumindest deutete sich dies bei den ersten Olympischen Jugendspielen 2010 in Singapur an, als erstmals Mixed- und Kontinentalwettbewerbe Aufnahme ins olympische Programm fanden.

6 Literatur

Beck, U.: Demokratisierung der Familie. In: Beck, U. (Hrsg.): Kinder der Freiheit. Frankfurt/M. 1997, S. 195-216.

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Dembowski, G.: Rassismus: Brennpunkt Fußball. In: Heitmeyer, W. (Hrsg.): Deutsche Zustände, Folge 5. Frankfurt/M. 2007, S. 217-225.

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Fifa : Fifa-Mitgliedsverbände – 1904 bis zur Gegenwart (2009b). Zugriff am 09. 01. 2011 unter http://de.fifa.com/mm/document/fifafacts/organisation/ 52/00/10/fs-120_01a_ma.pdf.

Gebauer, G.: Sport in der Gesellschaft des Spektakels. Sankt Augustin 2002.

Krüger, M.: Fußball im Prozess der Zivilisierung und Nationalisierung des Sports und der Deutschen. In: Jütting, D. H. (Hrsg.): Die lokal-globale Fußballkultur – wissenschaftlich beobachtet. Münster 2004, S. 121-136.

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Schäling, B.: Zur Globalisierung des Fußballs. Finanzen, Identitäten, Geschwindigkeit. Saarbrücken 2007.

Schwier, J.: Die Welt zu Gast bei Freunden – Fußball, nationale Identität und der Standort Deutschland. In: Schwier, J./Leggewie, C. (Hrsg.): Wettbewerbsspiele. Frankfurt/New York 2006, S. 79-104.